Stickersammlung:
Disclaimer
Die hier gezeigten Abbildungen dokumentieren Sticker als Ausdruck gesellschaftlicher Debatten. Wir präsentieren sie als Sammelobjekte und künstlerische Zeitzeugnisse ohne uns notwendigerweise mit ihren Inhalten zu identifizieren.
– Martin Parr
Zitiert nach:
Alex Rühle: Halt‘ das für uns fest: Sicher, Martin Parr ist ein großer Fotograf. Aber seine Bedeutung als Sammler und Förderer ist mindestens genauso groß. Ein Besuch in seiner Schatzkammer. In: Süddeutsche Zeitung. 21./22. Januar 2012, Seite V2/3
Ich sammle Aufkleber
Januar 2026
Mein vermutlich erster Kontakt mit dem Medium Aufkleber fand bereits in früher Jugend statt, um das Jahr 1965, als meine Schwester einen Aufkleber der „Aktion Gemeinsinn“ geschenkt bekam.
Aufkleber waren damals noch wenig verbreitet. Zwar gab es Klebeetiketten, z.B. auf Bier- und Weinflaschen, auch Preisschilder, jedoch kamen selbstklebende Aufkleber auf Kunststofffolie, heute oft Sticker genannt, erst langsam auf. Diese waren in Deutschland Anfang der 50er Jahre von der Wuppertaler Firma Jac entwickelt worden.
Während in den USA schon früher Aufkleber in der Werbung und für Wahlkämpfe verbreitet waren, kam dies in Deutschland erst in den 60er Jahren richtig in Mode. Vor allem Mineralölkonzerne und Hersteller von Autozubehör nutzten dieses Medium. Und auch die „Pril-Blumen“, Aufkleber, die die Firma Henkel auf der Rückseite ihrer Spülmittelflaschen zum Abziehen und Aufkleben aufbrachte, verzierten in vielen Küchen die Wandfliesen.
Als Mittel politischer Werbung verbreiteten sich Aufkleber ab den 70er Jahren. Vor allem bei der Bundestagswahl 1972 und nachfolgend verwendeten politische Gruppierungen und soziale Bewegungen wie Atomkraftgegner, die Umwelt-, die Friedensbewegung und viele andere Aufkleber um ihre Botschaften in die Öffentlichkeit zu tragen. Ferdinand Leuxner formuliert es so: „Über Sticker wird ein niedrigschwelliger Eingriff in den hegemonial beherrschten Stadtraum
ermöglicht.“
Dadurch dass ein Aufkleber nicht viel Platz bietet, muss er grafisch gut gestaltet und der Text einprägsam sein, wenn er Beachtung finden soll. Der Boom, den Aufkleber seit den Nullerjahren erleben, erzeugt zusätzlichen Konkurrenzdruck. In der Folge hat dies zu vielen kreativen und originellen Schöpfungen geführt. Jedermann kann sich heute für wenig Geld über das Internet selbst entworfene Aufkleber herstellen lassen, auch gibt es eine große Zahl von Webshops, die Aufkleber jedweder Art und Inhalte anbieten.
Ein besonderes Phänomen sind die Nachahmungen von besonders erfolgreichen Designs, so z. B. der „Nett hier, aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?“- Aufkleber, der vielfach und variantenreich abgewandelt wird. Andere Beispiele sind die „FCK . . . „-Aufkleber und die Aufkleber der Antifaschistischen Aktion, von denen es unzählige Nachahmer bzw. Varianten gibt.
Der Aufkleber ist ein Medium, mit dem sehr rasch auf Ereignisse oder Themen im gesellschaftlichen Diskurs reagiert werden kann. Entsprechend leicht wird der Sammler fündig, wenn er Ausschau nach neuen Motiven hält. Zugleich verschwinden Aufkleber auch oft wieder; sei es, dass sie entfernt, überklebt oder zerstört werden, sei es, dass sie durch Witterungseinflüsse verblassen. Selten findet man Aufkleber, die älter als wenige Jahre sind.
Mittlerweile gelten Aufkleber auch als Teil von Street Art und Populärkultur und es gibt fließende Übergänge zwischen Grafitti-Kunst und Aufkleber-Kunst. Sammlungen, wie das Sticker-Museum in Berlin-Friedrichshain oder Webseiten wie z.B. bildstockart.org sind der Aufkleberkultur gewidmet.
Wegen der Vielzahl von Aufklebern ist es inzwischen kaum mehr möglich, sie physisch zu sammeln. Stattdessen werden sie heute von Sammlern oft fotografiert. Dies ermöglicht, Aufkleber in ihrem Umfeld abzubilden, aber auch, Übermalungen, Überklebungen oder Zerstörungen zu zeigen.
Auch ich bin seit einiger Zeit dazu übergegangen, Aufkleber zu fotografieren.
Die in der Ausstellung fotografisch wiedergegebenen Aufkleber sind in fünf Gruppen geordnet:
• Aufkleber von Klaus Staeck
• Fussball
• Antifaschistische Aktion
• Feminismus
• Zerstörte bzw. modifizierte Aufkleber
Auf der Webseite kommen außerdem noch zwei weitere Kategorien hinzu:
• Nett hier
• Spielwiese
Sie geben nur einen kleinen Ausschnitt von der Aufklebervielfalt wieder, die uns täglich begegnet.
Die in der Ausstellung wiedergegebenen Aufkleber sind in 5 Gruppen geordnet
KLAUS STAECK
Sehr früh,nämlich Anfang der siebziger Jahre, hat Klaus Staeck, bekannt durch politische Plakatkunst, auch das Medium Aufkleber genutzt um mit teils ironischen, teils provokativen Texten und Text-Bild-Kombinationen Stellung zu beziehen bzw. gesellschaftskritische politische Diskurse anzustoßen. Seine wohl bekanntestes Plakat „Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen“ ist hier auch als Aufkleber vertreten.
FUSSBALL
Neben Aufklebern die auf unterschiedliche Weise die Verbundenheit mit dem jeweiligen Verein zeigen, gibt es auch solche, die die Freundschaft mit anderen Fußballvereinen feiern (Göttingen 05 und Linden 07, Hertha BSC und Karlsruher SC, Lok Leipzig und Chemie Halle).
Andere Aufkleber, die der Ultra-Bewegung zugeordnet werden können, propagieren z.B. „Tod und Hass“ oder sie schmähen mit drastischen Ausdrücken den gegnerischen Verein bzw. dessen Anhänger, gerne aber auch die Polizei.
ANTIFA
Die Aufkleber lehnen sich an den Aufkleber der Antifaschistischen Aktion von 1932 an, der zwei rote Fahnen in der Mitte eines Kreises zeigt – damals Symbole for Sozialisten und Kommunisten.
Außer den verschiedenen Gruppen, die ihre Ablehnung des Faschismus zeigen, wird das Design auch für andere Inhalte verwendet. So wird z.B. gegen Homophobie, Behindertenfeindlichkeit oder Spezieismus Stellung bezogen.
Ob das Bekenntnis der „Antifatischla“, eines „Antinationalistischen Alpenvereins“, von Esoterikgegnern oder auch einer „Ottifantastischne Aktion“ ernstgenommen werden kann, ist zweifelhaft.
FEMINISMUS
So breit das Spektrum der Bewegungen ist, die dem Feminismus zugerechnet werden, so unterschiedlich sind auch die hier gesammelten Aufkleber. Angesprochen werden Themen wie Sexismus, Patriarchat, Femizid, Catcalling, sexuelle Belästigung, Recht auf Abtreibung, aber auch kostenlose Menstruationsartikel in öffentlichen Toiletten. Ein eher seltener Slogan wendet sich gegen einen „imperialistischen Feminismus“ .
ZERSTÖRT & ÜBERKLEBT
Aufkleber werden oft auch abgerissen, zerstört, übermalt oder überklebt. Das Zerstören und das Unkenntlichmachen durch Übermalen lässt wenig Zweifel an den Motiven der Täter aufkommen. In der Fußball-Fanszene ist eher das Überkleben gegnerischer Aufkleber durch die eigenen verbreitet, wobei das Sichtbarbleiben des überklebten Aufklebers durchaus erwünscht zu sein scheint. Nicht selten findet man so mehrere Schichten gegnerschaftlicher Aufkleber übereinander. Ein weiteres Phänomen ist das der Reviermarkierung. Ähnlich den sog. Atomwaffenfreien Zonen, die in den späten 70er und 80 Jahren im Rahmen der Proteste gegen den Nachrüstungsbeschluss ausgerufen wurden, markieren heute v.a. Antifa-Anhänger und die Ultras der Fußballfanszene die von ihnen eher symbolisch beanspruchten Zonen.
2 weitere Kategorien:
NETT HIER
Urahn der „Nett hier, aber waren Sie schon mal …“ war eine Werbekampagne Baden-Württembergs, deren Erfolg bezüglich der vielfachen Nachahmung in dem hintersinnigen Slogan in Verbindung mit der gelben Farbe und der eher selten gebräuchlichen ovalen Form des Aufklebers liegen dürfte. Ein durch Social Media getriebener Trend bestand darin, den B.-W.-Aufkleber auf Reisen in der ganzen Welt anzubringen und ein Foto davon zu posten. Das hier gezeigte Foto stammt aus Montreal in Kanada.
SPIELWIESE
Ironische, satirische, parodierende und witzige Aufkleber, auch solche,
die sich nur Eingeweihten erschließen – alles findet sich in der großen
bunten Stickerwelt.
In Göttingen beliebt ist der Brauch, verballhornte Namen für
studentische Fußballteams zu erfinden, die am jährlichen akademischen
Sporttag der Universität gegeinander antreten.
Rätselhaft wirkt die Kombination eines 80er-Jahre-Fahndungsfotos der
Ex-RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt mit dem Schriftzug der
Frauenzeitschrift „BRIGITTE“.
Durch Überkleben kann aber auch die Botschaft eines Hinweisschildes
verändert werden:
Aus „Durchgang wird videoüberwacht“ wird so, orthografisch etwas gewagt:
„Du wird videoüberwacht“.
Und ein Aufkleber der Hamburger Gruppe DENMANTAU regte offenbar jemanden
zur kreativen Umgestaltung zu den beiden Collagen „AUA AUA AUA“ und „MAN MAN MAN“ an.