Gisela Thöne

Zigarettendosen:

"Nikotin – Feminin"
Meine Sammlung umfasst Zigarettendosen, die mit Bildern von Frauen werben. Diese bieten uns einen lebendigen Zugang zu der Zeit von 1900 bis 1920. Die westliche Welt befand sich im Umbruch. Industrielle Druckverfahren wie Lithografie und später Siebdruck machten es möglich, massenweise Konsumenten*innen zu erreichen. Werbeträger, zu denen auch Dosen gehören, wurden bunt gestaltet. Noch im 19. Jahrhundert war das Rauchen ausschließlich Männern vorbehalten, rauchende Frauen gelten als sittenwidrig. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts etablierte sich ein neuer Frauentypus, der ein „selbstbestimmtes, modernes“ Leben verkörperte. Für mich sprechen die Bilder auf den Dosen Sehnsüchte an: die Fähigkeit des Genusses; das Verlangen sich selbstbewusst und mächtig zu fühlen – etwa als Pharaonin oder „Vamp“. Diese Wünsche konnte sich auch eine Frau aus einfachen Verhältnissen erfüllen, denn die kunstvollen Dosen waren durchaus erschwinglich. Mit Beginn des Dritten Reiches verschwanden Frauen schließlich wieder von den Zigarettendosen.

Wie kam ich zum Sammeln?

Schon als Kind habe ich mit Leidenschaft Versteinerungen gesammelt; insbesondere fossile Seeigel. Dazu angeregt wurde ich durch meine Tante, die an der Nordsee lebte. Die Versteinerungen waren für mich wie Schätze, die von anderen nicht erkannt wurden; aber ich habe auch schon früh eine Neugier dafür entwickelt, mir ein Bild vom Leben vergangener Zeiten zu machen. Auf „antike“ Zigarettendosen aus der Jahrhundertwende bis Ende der 20er Jahre mit rauchenden Frauen stieß ich zunächst auf Flohmärkten. Später auch bei eBay, als die Auktionsplattform noch in den Anfängen war. Es reizte mich wieder zunächst die „Schatzsuche“, wenn ich Dosen billig ersteigern konnte, weil sie in ihrem Alter als Lithografien nicht erkannt oder gewürdigt wurden. Aber mich faszinierte auch der Zugang zu einem „Frauenbild“ dieser Zeit, in dem eine rauchende Frau Selbstbestimmung und Genussfähigkeit als Sehnsucht verkörperte. Es reizte mich vielleicht besonders, weil ich aus einer sehr dogmatischen Nichtraucherfamilie stamme. Rauchen war bei uns als triebhaft, insbesondere bei Frauen als ordinär verpönt. An Geburtstagen durfte nur – entsprechend der patriarchalen Rangordnung – mein bäuerlicher Opa, der zu Besuch kam, rauchen. Ich saß als Kind gern auf seinem Schoß und mochte den ungewohnten Geruch an seinem unrasierten Kinn sehr gern. Zur Entschuldigung seiner Tabaksucht wurde seine traumatisierende Kriegs- und Fluchtgeschichte aus Russland im 1. Weltkrieg herangezogen.

Meine Sammlung zuhause
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Meine Recherchen zu meiner Dosensammlung

Mit dem Sammeln versuchte ich mich auch der Geschichte des Rauchens mittels Recherchen anzunähern.

So war Pfeife rauchen und Kautabak mit Beginn des Tabakanbaus in Europa und dem sogenannten Orient lange Zeit ein absolutes Privileg von Männern. Bekannt, auch durch Bilder, ist das „Tabakskollegium“ vom Preußenkönig Friedrich I. Sein Sohn Friedrich Willhelm I., auch als der „Soldatenkönig“ bekannt, setzte die Tradition seines Vaters fort. Er baute sie zu egalitären Männer-Diskussionsrunden aus, bei denen geraucht und getrunken wurde. In Teilen vergleichbar mit der WDR-Sendung „Internationaler Frühschoppen“ (1952–1987) mit Werner Höfer: ein Stammtisch, an dem Männer Sonntagvormittags am Rauchen, Trinken und politischen Debattieren über den Fernseher einbezogen waren. Während die Frauen in der Küche den Sonntagsbraten zubereiteten.

Wie tabuisiert noch im 19. Jahrhundert das weibliche Rauchen war, lässt sich schön am Beispiel der deutschen Schriftstellerin und Freidenkerin Louise Aston (1814–1871) zeigen, die zwischenzeitlich auch in Göttingen lebte. Ihre provokativen Wahlsprüche lauteten: „Ich rauche Zigaretten und glaube nicht an Gott!“ und „freiem Leben, freiem Lieben bin ich immer treu geblieben.“ Sie wurde als „staatsgefährliche Person“ von der Polizei überwacht und ihr wurde das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen.

Ich versuchte auch zu den gesammelten Zigarettendosen zu recherchieren: Die meisten Grafiker der Werbeblechdosen bleiben anonym. Nur 3 Künstler konnte ich namentlich ausfindig machen.

Mehrere meiner besonders ästhetisch gestalteten Art Deco Blechdosen von der Marke Abadie Flor, die Zigarettenhülsen verkauften, sind mit Mihaly Birò (1886–1948) signiert. Dieser war ein ungarischer Grafiker, der unter anderem für die ungarischen Sozialdemokraten Plakate entwarf und deren Zeitungen illustrierte. 1919 floh er vor dem „weißen Terror“ in Ungarn nach Wien und entwarf auch dort Plakate für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreich. 1938 floh Birò wieder, dieses Mal aus Berlin: Er ging nach Frankreich und überlebte die deutsche Judenverfolgung als Häftling im Pariser „Rothschild-Spital“, bis er 1947 schließlich nach Ungarn zurückkehrte.

Die kleinste Blechdose wurde von dem Jugendstilkünstler Karl Wilhelm Bergmüller (1864–1928) gestaltet. Die Dose ist auch in der Ausstellung zu sehen.
Die Zigaretten darin waren besonders zierlich und wurden vermutlich mit Zigarettenspitzen – die häufig aus Bernstein waren – verlängert geraucht.

Das weibliche Idealbild, mit dem die neu entwickelte Zigarettenwerbung Frauen als potenzielle Kund*innen ansprach, war häufig eine Männerfantasie. Das zeigt besonders die Zigarettendose „Gibsongirl“ der Firma Manoli. Der US-Amerikaner Charles Dana Gibson (1867-1944) erfand um die Jahrhundertwende den neuen Typus der „modernen Frau der oberen Mittelklasse“: Sie trug lockere, lange Kleidung statt Korsetts und Unterröcke. So wurde sie beweglicher und konnte Tennis spielen oder Fahrrad fahren.